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Musik und Klassenkampf: Das wäre eine passende Kurzbeschreibung für diese begeisterungswürdige Dramödie mit Märchen-Touch, in der ein ziemlich cooler Rapper als klassisches Gesangstalent entdeckt wird.
Wenn es um die Verbindung von ernsthaften sozialen Themen mit Humor und moderner Kinounterhaltung geht, liegen die französischen Filmschaffenden zurzeit ganz weit vorne. Und sie können es eben auch richtig gut – mit Eleganz und Esprit, mit Spaß, Dramatik und opulenten Bildern. Ein Fest für alle Sinne!

Die beiden Brüder Antoine und Didier leben in einer Wohnung in den Banlieues, den berüchtigten Außenbezirken von Paris, wo alle landen, die keine Träume mehr haben oder gescheitert sind. Für Antoine hat sich Didier etwas Besonderes ausgedacht, denn er soll einmal einen richtigen Beruf lernen: Buchhalter. Er zahlt den Kurs, und Antoine geht hin, sofern er nicht gerade als Sushi-Lieferfahrer arbeitet. Einer dieser Aufträge führt ihn zufällig in die Opéra Garnier, das prachtvolle alte Pariser Opernhaus, in dem das „Phantom der Oper“ einst umging. Dort findet gerade Gesangsunterricht statt, und Antoine stellt ziemlich schnell fest: Was die können, kann er auch. Doch obwohl die Gesangslehrerin ihn zu überzeugen versucht zu bleiben und mitzusingen, ergreift Antoine erstmal die Flucht.

Ob und wie Antoine zur klassischen Musik und zur Oper findet, das ist gar nicht so sehr das Hauptthema des Films. Vielmehr geht es um die Gegensätze zwischen Arm und Reich – Banlieue und Opéra – um die Zwänge und Klischees, denen beide Seiten unterworfen sind. Schon aus diesen Gründen ist TENOR zwar auch ein Film für Opernfans, doch der Fokus liegt hier eben nicht auf dem Gesang oder auf der Auseinandersetzung mit der Opernkultur, obwohl auch diese Richtung gelegentlich bedient wird. Im Grunde ist Antoine ein Suchender, der durch Zufall einen neuen Weg entdeckt, auf den er allein nicht gekommen wäre. Dabei geht es vorrangig um Respekt, und zwar in alle Richtungen, wenig oder gar nicht um Erfolg.

Manches wirkt hier bekannt, und lieb gewordene Erinnerungen werden wach: an „8 MILE“ mit Eminem und sogar auch ein bisschen an „FLASHDANCE“. Tatsächlich gibt es einige vorhersehbare Wendungen, aber dankenswerterweise verzichtet Claude Zidi jr. auf diesbezügliche Entgleisungen, auch wenn die Entwicklung insgesamt relativ komplikationslos verläuft. Zidi verliert jedoch niemals seinen Anspruch aus dem Blick: Er fordert für die Jungs und Mädchen aus den Banlieues denselben Respekt ein wie für die Opernstars und -sternchen. Rap und Beatboxing zeigt er neben der Opernmusik als gleichberechtigte Kunstform. Dabei gelingt es Zidi, in opulenten Cinemascope-Bildern eine dermaßen turbulente und fesselnde Handlung zu zeigen, dass ohnehin kaum Gelegenheit zum Nachdenken bleibt. Dazu trägt auch der stimmungsvolle Soundtrack von Laurent Perez Del Mar bei.

Für reichlich gute Laune sorgen auch die darstellerischen Leistungen. Mohammed Belkhir spielt den Antoine mit charmanter Natürlichkeit und geradezu strahlender Präsenz. Kaum glaublich, dass das seine erste Filmrolle ist! Unter dem Künstlernamen MB 14 wurde er in Frankreich als Beatboxer und als Teilnehmer an diversen TV-Wettbewerben bekannt. Der junge Mann, der deutlich jünger wirkt als seine 28 Jahre, erweist sich hier als Brachialtalent. Die liebenswert lustige Gesangslehrerin Marie spielt Michèle Laroque (ENDLICH WITWE) sehr witzig und anrührend. Erwähnenswert ist auch Guillaume Duhesme als Didier, der mit spröder Grazie den großen Bruder spielt und für sich selbst das Träumen verlernt hat, aber nur beinahe!

(Gaby Sikorski, programmkino.de)

  • Frankreich 2022
  • Regie: Claude Zidi Jr.
  • mit Michèle Laroque, Mohammed Belkhir (MB 14), Guillaume Duhesme, Maëva El Aroussi, Samir Decazza
  • Spieldauer: 100 Min
  • frei ab 12