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Die melancholische Komödie um einen Künstler, der sich mit Straßenmusik und Mini-Auftritten gerade so über Wasser hält, ist im Grunde eine Hymne an die Kunst und an alle, die sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten, weil sie von ihrer eigentlichen Berufung nicht leben können. 

Wer ist dieser Rickerl, der eigentlich Erich heißt? – Der Rickerl ist ganz viel, aber vor allem eine Seele von Mensch. Wenn nur dieser Hang zur Melancholie nicht wäre. Der ist beim Rickerl geradezu geschäftsschädigend, weil er nämlich Liedermacher ist, in Wien, noch dazu. Und in Wien wollen die Menschen keine melancholischen Songs hören, melancholisch sind sie selbst.

Gründe für die Melancholie vom Rickerl gibt‘s viele, der gewichtigste Grund dürfte der Dominik sein, Rickerls kleiner Sohn, den er abgöttisch liebt. Aber den Dominik darf Rickerl nur alle zwei Wochen am Wochenende sehen, weil er nämlich die Beziehung zu Viki, Dominiks Mutter, dermaßen vor die Wand gefahren hat, dass die jetzt ihren neuen Freund, ausgerechnet einen Piefke, also einen Deutschen, heiraten will. Und das nagt ganz gewaltig am Rickerl, wie so vieles. Der Rickerl versteht die Welt nicht mehr, und er versteht sich meistens selber nicht.

„Rickerl“ ist nicht einfach nur ein Film über einen fiktiven Liedermacher, der sich fortwährend selbst im Weg steht. „Rickerl“ ist vor allem ein Film über die schier unüberwindlichen Hürden des Künstlerdaseins. Dieser Künstler, der sich Rickerl nennt, zweifelt praktisch in jeder Sekunde an dem, was er tut. Keine Textzeile ist ihm gut genug, jedes Lied, das er irgendwann mal, vielleicht vor ein paar Jahren geschrieben hat, kann und muss immer noch verbessert werden. Der Rickerl lebt nicht in den Tag hinein, auch wenn es manchmal so aussieht, denn es ist alles andere als einfach, der Rickerl zu sein. Das Beisl – die Wiener Kneipe – ist sein Revier, der Schmäh ist sein Programm und alles andere wird sich finden. Oder auch nicht. Tatsächlich aber sieht es so aus, als könnte der Rickerl das Zeug zum großen Künstler haben, und auch davon erzählt dieser kleine, feine Film.

Adrian Goiginger, der schon mit seinem Kinoerstling „Die beste aller Welten“ auf der Berlinale 2017 für Furore sorgte, hält auch in seinem vierten Kinofilm das hohe Niveau und diese sehr angenehme Mischung aus liebevoller Betrachtung und lakonischem Humor, zu dem immer auch eine leicht melancholische Atmosphäre gehört. Gleichzeitig liefert er hier eine Liebeserklärung in mehrfacher Hinsicht: an den Austropop, der zurzeit wieder ein Comeback mit neuen Künstlerinnen und Künstlern feiert, an die Stadt Wien und an den unverkennbaren Dialekt, der einfach dazugehört. Dabei ist „Rickerl“ viel eher eine Komödie als seine vorherigen Filme, dabei aber alles andere als platt oder oberflächlich: ein feines Kinoerlebnis.

Und bei allem sollte unbedingt erwähnt werden: In diesem Film wird mehr geraucht als in einem Bette-Davis-Film aus den 30er Jahren. Und das ist auch keine kleine Leistung. (Gaby Sikorski, programmkino.de)

  • Österreich/Deutschland 2023
  • Regie: Adrian Goiginger
  • mit Voodoo Jürgens, Agnes Hausmann, Nicole Beutler
  • Spieldauer: 110 Min
  • frei ab 12
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