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Standesgemäß wurde „Monte Verità“ von Stefan Jäger beim 74. Locarno Film Festival für die Piazza Grande ausgewählt – musste dort aber strömendem Regen weichen. Warum das sehr schade ist, erfahren Sie in unserer Besprechung des intensiven Historiendramas mit Maresi Riegner, Hannah Herzsprung, Julia Jentsch und Max Hubacher über die legendäre Künstlerenklave im Tessin.

Monte Verità. Berg der Wahrheit. Klingt erst einmal hochtrabend. Aber umschreibt doch sehr treffend, was sich vor allem in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auf dem 321 Meter hohen Hügel nordwestlich von Ascona im Schweizer Kanton Tessin abspielte, an diesem Treffpunkt von Lebensreformern, Intellektuellen und Künstlern: eine Versuchsanordnung für Aussteiger, lange bevor es diesen Ausdruck gab, ein europäisches Big Sur oder Woodstock, lange bevor Beats und Hippies ihre eigene Form eines völlig freien Lebens ohne Zwänge zu definieren begannen. Hier ist der Ursprung, auf dem Monte Verità, rund um eine Naturheilanstalt, in der die Musiklehrerin Ida Hofmann als treibende Kraft Gleichdenkenden eine bisweilen auch mit strenger Hand geführte Bühne bereitet, Leben und Gesellschaft und Körper neu zu denken. Prominente Namen wie Hermann Hesse oder Isadora Duncan zählten zu den Besuchern der Künstlerenklave – und sind, wie die von Julia Jentsch gespielte Matriarchin Hofmann, auch in Stefan Jägers filmischer Annäherung an diese zumindest in ihrer Zeit einzigartige Utopie zu sehen, spielen aber keine Hauptrolle: Das ist die fiktive Figur der Hanna, eine Hausfrau und zweifache Mutter in Wien, die unter der Fuchtel des lieblosen Ehemanns steht und unter ihrem Dasein im buchstäblich zu engen Korsett so sehr leidet, dass ihr von ihrem Therapeuten ein Aufenthalt auf dem Monte Verità angeraten wird.

Es ist mit einem Budget von sieben Millionen Franken der mit weitem Abstand aufwändigste Film in der Karriere des wandlungsfähigen Schweizer Filmemachers, ein Herzensprojekt natürlich, was man der Sorgfalt und Liebe sofort ansieht, mit der er gemacht wurde. Es ist indes kein Film, der den Zuschauer im Sturm erobert. Er nimmt sich Zeit, seine Figuren zu beobachten, das Leben der Ära zu skizzieren, gefangen in all seinen beengenden gesellschaftlichen Ritualen und Regeln, leise erschüttert von mutigen Vordenkern wie Freud oder Nietzsche. Das etabliert man nicht mit Reißschwenks und assoziativen Schnittgewittern, sondern indem man eintaucht in die bourgeoise Welt, die die mutige Heldin des Films fest umklammert: Erst wenn man Hannas bisheriges Leben begreift und spürt, kann man erahnen, welch ein Schock es für sie sein muss, als sie in Begleitung ihres Therapeuten Otto Gross erstmals die Schar leicht bekleideter, lustwandelnder Gestalten erblickt, die den Geschmack von freier Liebe, freiem Körper und freiem Leben ausprobieren. Sie verweigert sich den Verweigerern. In sehr genauen Bildern verfolgt „Monte Verità“, wie sie sich doch langsam befreit, ihre, für sie selbst völlig überraschend, Liebe zur Fotografie entdeckt und sich aus ihren bisherigen Lebensmustern zu lösen beginnt…

(Thomas Schulze, programmkino.de)

  • Schweiz/Österreich/Deutschland  2021
  • Regie:Stefan Jäger
  • mit Maresi Riegner, Hannah Herzsprung, Julia Jentsch, Max Hubacher
  • Spieldauer: 116 Min
  • frei ab 12
Do. 30.12. 18:00 | Sa. 01.01. 18:00 | So. 02.01. 18:00 | Mo. 03.01. 18:00