ab 06.12.

Cold War - Der Breitengrad der Liebe

Im Polen der unmittelbaren Nachkriegszeit ist der begabte Komponist Wiktor auf der Suche nach traditionellen Melodien für ein neues Tanz- und Musik-Ensemble. Unter seinen Studentinnen ist auch die Sängerin Zula, in die er sich unsterblich verliebt. Als das Repertoire des Ensembles zunehmend politisiert wird, nutzt Wiktor einen Auftritt in Ostberlin, um in den Westen zu fliehen. Zula bleibt der verabredeten Flucht fern, doch Jahre später begegnen sich die beiden wieder.
Für „Ida“ bekam der Pole Paweł Pawlikowski vor drei Jahren den Oscar, fünf Europäische Filmpreise, einen BAFTA, den spanischen Goya sowie über 60 (!) weitere Auszeichnungen. Der Preisregen dürfte sich bei seinem jüngsten Meisterwerk wiederholen. Die rigorose Romanze, wiederum in wunderschön kristallklarem Schwarz-Weiß, bietet furiose Filmkunst vom Feinsten. Fünfzehn Jahre dauert diese raffiniert erzählte, elliptische Lovestory der Nachkriegszeit. Beginnend in der tristen polnischen Provinz, geht die Reise über Ostberlin ins glamouröse Paris und wieder retour. Eine zauberhafte Liebesgeschichte in Zeiten des versteinerten Stalinismus. Brillant inszeniert. Perfekt gespielt. Der Stoff, aus dem Klassiker gemacht sind. Und Publikumslieblinge. Und Oscar-Kandidaten sowieso. Der Film war in Cannes als bester Spielfilm nominiert und der Regisseur Pawel Pawlikowski gewann die Goldene Palme als Bester Regisseur. Die Hauptdarstellerin Joanna Kulig ist für den Europäischen Filmpreis nominiert. Auch der Film ist für den Europäischen Filmpreis nominiert.

ab 07.12.

25 km/h

30 Jahre haben sich die Brüder Georg (Bjarne Mädel) und Christian (Lars Eidinger) nicht gesehen, bei der Beerdigung des Vaters gibt es ein Wiedersehen, doch zunächst begrüßen sie sich mit einer Prügelei. Während Georg im heimischen Schwarzwald geblieben ist, als Tischler arbeitet und den Vater in den letzten Wochen vor seinem Tod betreut hat, ist Christian in die Welt hinausgezogen, lebt irgendwo zwischen London und Singapur und verdient mit irgendwelchen Wirtschaftsdingen viel Geld.

Geld, das den Brüdern auf einer Reise behilflich ist, die sie als 15jährige geplant hatten, aber nie angegangen sind: Mit ihren Mofas quer durch Deutschland an die Ostsee zu fahren, um am Timmendorfer Strand ins Wasser zu pinkeln. Auf dem Weg dahin wollten sie Sex haben, Drogen nehmen und andere Abenteuer erleben, doch das Leben kam dazwischen.

Nun, in Jugenderinnerungen schwelgend, als sie angetrunken durch die nächtlichen Dorfstraßen brausen, sagt Christian: Jetzt oder nie. Nach kurzem Zögern macht Georg mit und die Reise durch Deutschland und zu sich selbst beginnt...

zum Bundesstart am 13.12.

Gegen den Strom

Neben Juliet Naked mein Lieblingsfilm auf der Filmkunstmesse in Leipzig
Nach außen ist Halla eine patente, liebenswürdige Frau in den besten Endvierziger-Jahren, die allein lebt und als Chorleiterin arbeitet. Doch der Eindruck täuscht, denn Halla führt ein geheimes Doppelleben. In ihrer Freizeit ist sie eine Umweltaktivistin, die einsam, mutig und zielstrebig die isländischen Berge durchstreift, um Stromleitungen zu zerstören. Der Grund: Sie will die Natur retten, indem sie gemeinsame Machenschaften von Politik und Wirtschaft bekämpft und dafür sorgt, dass der Verkauf der isländischen Aluminiumindustrie nach China gestoppt wird. Auch wenn sie sich vieler Sympathien in der Bevölkerung sicher sein darf – die Obrigkeit betrachtet sie als Bedrohung. Als Halla erfährt, dass sie nach vielen Jahren der Wartezeit tatsächlich ein Kind aus der Ukraine adoptieren darf, verstärkt sie ihre Aktivitäten. Sie veröffentlicht ein Manifest unter dem Pseudonym „Die Bergfrau“, Halla riskiert immer mehr, ihre Anschläge werden gefährlicher, und die Verfolger rücken näher. Bald setzen sich neben der lokalen Polizei auch Geheimdienste auf ihre Spur, von Hubschraubern und Drohnen verfolgt, kann sie nur mit Hilfe eines knorrigen Schafzüchters entkommen. Obwohl sie ihr Ziel erreicht hat, hört Halla nicht auf. Sie will „den Krieg gegen Mutter Erde stoppen“...
Ein besonders auffälliges Stilmittel ist der Musikeinsatz, denn Halla wird im wörtlichen Sinn von Musik begleitet. Ein Trio mit Schlagzeug, Tuba und Akkordeon ist stets in ihrer Nähe. Als quasi griechischer Chor zitiert er – wie das Artemis-Motiv – antike Muster, drei singende Frauen in ukrainischer Tracht gesellen sich später dazu. Das Timing ist dabei absolut perfekt. Dies zeugt dann unbedingt nicht nur vom handwerklichen Können, sondern auch vom Witz des Filmemachers, der, wie in „Von Menschen und Pferden“, mit Zitaten und Andeutungen spielt. Der Einsatz der Musiker erinnert an den Komödienklassiker „Blazing Saddles“, wo das Count Basie-Orchestra mitten in der Prärie den Gala-Auftritt des neuen Sheriffs satirisch überhöht. Einige Kamerafahrten scheinen hingegen Hitchcock zu zitieren. Außerdem handeln wieder einige Gags von den diversen Marotten isländischer Ureinwohner und von ihrer provinziellen Grundhaltung. Dazu gehört auch ein bärbeißiger Landmann, der seinen Hund „Frau“ nennt – „Bauer sucht Frau“ mal ganz anders! Und regelmäßig wird statt Halla derselbe dunkelhäutige Tourist verhaftet, während sie knapp ihren Verfolgern entkommt. Ebenso regelmäßig wird er mit den Worten „Willkommen in Island“ wieder aus der Haft entlassen. Manches ist also boshaft, manches ganz offen symbolträchtig, wie die Verbindung zur griechischen Mythologie, und vieles ist gewürzt mit einer guten Portion staubtrockenen Humors. Dann trifft mediterrane Poesie auf den Charme selbstgestrickter Islandpullover.

Gaby Sikorski(Programmkino.de)