ab 06.12.

ab 07.12.

zum Bundesstart am 13.12.

Gegen den Strom

Neben Juliet Naked mein Lieblingsfilm auf der Filmkunstmesse in Leipzig
Nach außen ist Halla eine patente, liebenswürdige Frau in den besten Endvierziger-Jahren, die allein lebt und als Chorleiterin arbeitet. Doch der Eindruck täuscht, denn Halla führt ein geheimes Doppelleben. In ihrer Freizeit ist sie eine Umweltaktivistin, die einsam, mutig und zielstrebig die isländischen Berge durchstreift, um Stromleitungen zu zerstören. Der Grund: Sie will die Natur retten, indem sie gemeinsame Machenschaften von Politik und Wirtschaft bekämpft und dafür sorgt, dass der Verkauf der isländischen Aluminiumindustrie nach China gestoppt wird. Auch wenn sie sich vieler Sympathien in der Bevölkerung sicher sein darf – die Obrigkeit betrachtet sie als Bedrohung. Als Halla erfährt, dass sie nach vielen Jahren der Wartezeit tatsächlich ein Kind aus der Ukraine adoptieren darf, verstärkt sie ihre Aktivitäten. Sie veröffentlicht ein Manifest unter dem Pseudonym „Die Bergfrau“, Halla riskiert immer mehr, ihre Anschläge werden gefährlicher, und die Verfolger rücken näher. Bald setzen sich neben der lokalen Polizei auch Geheimdienste auf ihre Spur, von Hubschraubern und Drohnen verfolgt, kann sie nur mit Hilfe eines knorrigen Schafzüchters entkommen. Obwohl sie ihr Ziel erreicht hat, hört Halla nicht auf. Sie will „den Krieg gegen Mutter Erde stoppen“...
Ein besonders auffälliges Stilmittel ist der Musikeinsatz, denn Halla wird im wörtlichen Sinn von Musik begleitet. Ein Trio mit Schlagzeug, Tuba und Akkordeon ist stets in ihrer Nähe. Als quasi griechischer Chor zitiert er – wie das Artemis-Motiv – antike Muster, drei singende Frauen in ukrainischer Tracht gesellen sich später dazu. Das Timing ist dabei absolut perfekt. Dies zeugt dann unbedingt nicht nur vom handwerklichen Können, sondern auch vom Witz des Filmemachers, der, wie in „Von Menschen und Pferden“, mit Zitaten und Andeutungen spielt. Der Einsatz der Musiker erinnert an den Komödienklassiker „Blazing Saddles“, wo das Count Basie-Orchestra mitten in der Prärie den Gala-Auftritt des neuen Sheriffs satirisch überhöht. Einige Kamerafahrten scheinen hingegen Hitchcock zu zitieren. Außerdem handeln wieder einige Gags von den diversen Marotten isländischer Ureinwohner und von ihrer provinziellen Grundhaltung. Dazu gehört auch ein bärbeißiger Landmann, der seinen Hund „Frau“ nennt – „Bauer sucht Frau“ mal ganz anders! Und regelmäßig wird statt Halla derselbe dunkelhäutige Tourist verhaftet, während sie knapp ihren Verfolgern entkommt. Ebenso regelmäßig wird er mit den Worten „Willkommen in Island“ wieder aus der Haft entlassen. Manches ist also boshaft, manches ganz offen symbolträchtig, wie die Verbindung zur griechischen Mythologie, und vieles ist gewürzt mit einer guten Portion staubtrockenen Humors. Dann trifft mediterrane Poesie auf den Charme selbstgestrickter Islandpullover.

Gaby Sikorski(Programmkino.de)